24. Sonntag nach Trinitatis, 2.11.2008
Predigt
Gnade sei mit euch, und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn
Jesus Christus. Amen.
Das Wort, auf das die Kirche an diesem 24. Sonntag nach Trinitatis hört steht
geschrieben im Buch des Predigers, Kapitel 3, Verse 1 bis 15:
1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine
Stunde: 2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat
seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3 töten hat seine
Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat
seine Zeit; 5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6 suchen hat seine
Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine
Zeit; 7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine
Zeit, reden hat seine Zeit; 8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. 9 Man mühe sich ab, wie man
will, so hat man keinen Gewinn davon. 10 Ich sah die Arbeit, die Gott den
Menschen gegeben hat, daß sie sich damit plagen. 11 Er hat alles schön gemacht
zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur daß der Mensch
nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. 12 Da
merkte ich, daß es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich
gütlich tun in seinem Leben. 13 Denn ein Mensch, der da ißt und trinkt und hat
guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. 14 Ich merkte, daß
alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun.
Das alles tut Gott, daß man sich vor ihm fürchten soll. 15 Was geschieht, das
ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und
Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.
I
Wie ein dünner, weißer Schleier Liegt der Nebel auf dem See
In den Bäumen
rauschen leise Wind und Blätter, Trauerweise Von der großen Odyssee
Kalter
Morgen nach der Feier Wie ein erstes Resümee
Sonnenstrahl schafft keine
Schneise Vogelschwarm auf großer Reise Goodbye und ade
Herbst am See, Wetterwende.
Buntes Laub fegt übers Wasser Und verliert sich dann im Wind
Wald in
hunderttausend Farben Überstrahlt die ersten Narben Stellt sich taub und stellt
sich blind
Und das Zwielicht macht uns blasser Als wir es ohnehin schon sind
All dem wohnt ein Zauber inne Doch man spürt in jedem Sinne Dass die gute Zeit
verrinnt
Herbst am See Wetterwende kalte Hände.
Ein Anblick voller Schönheit Aber trotzdem nur der Rest Ein Gedanke, der uns
beide frösteln lässt.
Herbst am See Wetterwende, kalte Hände Als ich mit dir am Ufer steh Längst ist
klar: es ist zu Ende.
II
Dass alles im Leben seine Zeit hat, liebe Gemeinde, das haben
wir schon oft gehört. Vor allem, in den schweren Zeiten trösten wir uns und
andere damit. ,,Die Zeit heilt'' sagen wir dann und hoffen auf Besseres. Alles
hat seine Zeit, Leben und Sterben, heilen und töten, umarmen und loslassen. Der
Prediger schreibt es sehr weise, er erinnert mich an meine Großmutter, die kurz
vor ihrem Tod zurückblickte auf ihr Leben auf gute und schwere Zeiten, auf
Verluste und Geschenke und sagte ,,Es war schon gut so, wie es war. Ich möchte
nichts hinzufügen und nichts wegnehmen.'' Aber er schreibt auch ein wenig, wie
soll ich sagen, seelenlos oder trostlos, zu nüchtern. Er weiß selbst nicht so
recht, wo er hin will. ,,Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen
Gewinn davon.'' Ist das die Quintessenz seiner Weisheit? Schreibt er im Herbst?
Resigniert er, angesichts der Endlichkeit und letztlich Vergeblichkeit allen
menschlichen Tuns?
III
Sie war die schönste Uhr im Haus eines Freundes. Eine große
Standuhr, täglich aufgezogen, obwohl das Uhrwerk unzuverlässig und zu langsam
war; mit einem Pendel aus Messing und zwei Gewichten im gläsernen Uhrkasten.
Auf ihrem strahlend weißen Zifferblatt standen in römischen Zahlen die Stunden.
Nur die Zeiger fehlten. Sie hieß Lebenszeituhr, aber sie zeigte uns nicht die
Zeit, sie schlug uns die Stunde. Irgendwann am Tag, mitten im Spiel, beim
Essen, beim Musikhören, bei der Hausarbeit. Sie unterbrach schönes und
unangenehmes, sie schlug für traurige wie fröhliche, sie mahnte im Kommen und
im Gehen. ,,Seid bereit'' zitierte der Vater meines Freundes bei ihrem Schlag,
,,denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da Ihr's nicht meint''.
Ich fand sie bedrückend diese Lebenszeituhr. Ich konnte sie nicht leiden, ich
mied wegen ihr sogar das Haus meines Freundes. Heute weiß ich, warum: Sie
machte die Zeit zu kurz und zu eng. Sie sprach nur vom Ende, nicht von der
Zeit. Sie schlug uns nur die Stunden, aber sie tickte nicht die Sekunden und
Minuten, die wir bis dahin Zeit hatten. Sie öffnete keine Zeit-Räume.
IV
Die Teilnehmer einer Meditation gehen durcheinander durch einen
Raum. Immer, wenn die Meditationsleiterin ihr Glöckchen schlägt ändern sie die
Richtung. Sie gehen geradeaus, bis das Glöckchen wieder schlägt, drehen sich,
laufen geradeaus in eine andere Richtung. Das Tempo wird immer höher, sie gehen
immer schneller und die Gefahr wird immer größer: Die Gefahr zusammenzustoßen,
die Gefahr, an die Wand zu laufen. Der Raum wird immer kleiner, schon sehen sie
die Wand bedrohlich nahe, schon kreuzt ein anderer unvermittelt den Weg, der
Zusammenstoß scheint unausweichlich. Die Stimmung wird hektisch, die Laune
gereizt, ungeduldig sehnen alle das Ende herbei, während die Zeit erbarmungslos
gegen die Teilnehmer läuft; der Zusammenprall wird unausweichlich. Endlich
zwei Glockenschläge, Ende des Versuchs.
V
,,Ist der Prediger in all seiner Weisheit resigniert?'', so habe
ich vorhin gefragt. Resigniert, weil er nur das Ende sieht, Vergehen,
Vergeblichkeit? Man könnte es denken, aber er überrascht uns. Er jagt die
Depression wie einen großen schwarzen Hund zurück in seine Hütte. ,,Da merkte
ich, daß es nichts Besseres gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in
seinem Leben. Denn ein Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten Mut bei
all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.'' In der fröhlichen Gelassenheit
dessen, der das Leben genießt, allem was dagegen spricht zum Trotz, sieht er
die offenen Räume statt der Grenzen, die Möglichkeiten statt der Hindernisse.
In der fröhlichen Gelassenheit dieser tiefen Diesseitigkeit begenet ihm Gott.
VI
Die Teilnehmer der Meditation gehen erneut los. Wieder
geradeaus, bis das Glöckchen schlägt, wieder eine Drehung und erneut geradeaus.
Aber sie sehen anders: Sie sehen nicht mehr die Wand und nicht mehr den
Nebenmann. Sie sehen den Raum zwischen sich und der Wand, sie messen die
Schritte zwischen sich und den anderen. Und der Raum dehnt sich, bietet
unermesslich viel Platz für sich, für die anderen. Es sind noch vier Schritte
bis ..., das ist Zeit, in der so manche Wendung kommen kann. Auch diesmal
gehen sie immer schneller, aber die Zeit dehnt sich mit dem Raum vor ihnen. Die
Gelassenheit sieht den Raum, der da ist, der erschritten sein will.
VII
Was mich erstaunt, liebe Gemeinde, ist die tiefe fromme
Diesseitigkeit des Predigers. Er vertröstet sich und seine Leser nicht auf ein
Jenseits. Er erwartet die Erfüllung nicht erst später, nicht erst ,,dann''. Er
ist, bei all dem Auf und Ab des Lebens, bei all seiner Nüchternheit diesem Auf
und Ab gegenüber, ganz hier, ganz diesseitig. Vielleicht offenbart er darin
sein tiefes Geheimnis: dass die Fülle des Lebens nicht seine hohen Zeiten sind,
dass Erfüllung nicht aus dem schönen Leben kommt. Dass Erfüllung in der
Doppeldeutigkeit des Lebens liegt, dem Miteinander von aufbauen und einreißen,
von Pflanzen und Ernten, von Leben uns Sterben. Und in beidem, dem Hohen und
Tiefen, dem Leben und Sterben findet der Prediger Spuren Gottes. Das Leben ist,
wie es ist, weil Gott es so eingerichtet hat; er versteht es nicht, kann es
nicht ergründen, weder Anfang noch Ende, aber gibt dem Geheimnis Raum: Mitten
im Leben vom Tode umfangen, mitten im Tode von Gott umfangen. Auch ohne es zu
verstehen.
IX
Wie gelingt nun Leben, das ganz in der Diesseitigkeit bleibt und doch offen
ist, für die Begegnung mit Gott? Wie füllen wir Zeit-Räume? Wie geben wir dem
seine Zeit, was ist? Hohem und Tiefem? Schönem und Schwerem?
X
In Krakau lebte einmal ein frommer, alleinstehender
alter Malm namens Izy. Ein paar Nächte hintereinander träumte Izy, er reise im
Herbst nach Prag und gelange dort an einen See. Er träumte, an einem Ufer des
Sees stehe ein üppiger Baum. Er träumte, dass er gleich neben dem Baum zu
graben anfing und auf einen Schatz stieß, der ihm Wohlstand und Sorglosigkeit
bis an sein Lebensende sicherte.
Anfangs maß Izy diesem Traum keine Bedeutung bei. Aber nachdem sich dieser
wochenlang wiederholt hatte, deutete er ihn als Botschaft und beschloss ihn
nicht weiter unbeachtet zu lassen. Er folgte also seiner Eingebung, belud sein
Maultier mit Gepäck für eine lange herbstliche Reise und machte sich auf den
Weg nach Prag. Sechs Tage später traf der Alte in Prag ein und begab sich
gleich auf die Suche nach dem See am Rande der Stadt. Es gab nicht viele Seen,
so dass er den gesuchten Ort schnell fand. Alles war genau wie in seinem Traum:
der See, das Ufer, der Baum, unter dem er graben musste. Nur eins war in seinem
Traum nicht vorgekommen: An dem See saß Tag und Nacht ein Fischer. Izy wagte es
nicht, zu graben, solange der Fischer dort saß, also schlug er in der Nähe des
Baums sein Lager auf und wartete erst einmal ab. In der zweiten Nacht begann
der Fischer sich zu wundern, und er fragte den Alten, der da am Ufer kampierte,
nach seinem Vorhaben. Der hatte keinen Grund, ihm eine Lüge aufzutischen, und
so erzählte er dem Mann, er habe diese weite Reise unternommen, weil er
geträumt habe, dass hier in Prag am Seeufer unter diesem Baum ein Schatz
vergraben liege.
Der Fischer brach in schallendes Gelächter aus. ,,Eine so lange Reise wegen
nichts und wieder nichts'', sagte er. ,,Ich träume seit drei Jahren jede Nacht,
dass in Krakau unter der Küche eines verrückten Alten namens Izy ein Schatz
vergraben liegt. Denkst du, ich sollte nach Krakau reisen, um diesen Izy
aufzusuchen und unter seiner Küche zu graben anfangen? Ha, ha, ha.'' Izy
bedankte sich freundlich beim Fischer und trat die Heimreise an. Zu Hause
angekommen, grub er unter seiner Küche ein Loch und fand den Schatz, der schon
ewig dort verborgen lag.
XI
Herbst am See, Wetterwende.
Amen
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On 18 Jan 2009, 15:49.